Das Etikett des „HWS-, BWS- oder LWS-Syndrom“ bekommen Patienten verliehen, die sich an verschiedenen Stellen entlang Hals-, Brust- oder Lendenwirbelsäule nicht schmerzfrei bewegen können. Aber ganz egal unter welchem Pseudonym man gepeinigt wird, das Übel ist im wahrsten Sinne des Wortes eine üble Sache. Mit Beharrlichkeit geraten schmerzleitende Nerven des Rückenmarks unter Druck.
Der griechische Ärztevater Hippokrates schwor einst auf eine martialische Behandlung bei Patienten mit Rückenschmerzen. Er streckte sie gewaltsam in die Länge, indem er den Lendenlahmen mit den Beinen an einen Strick band und über eine Rolle schwungvoll nach oben liftete – mit dem Kopf nach unten wohlgemerkt. Heute, zweieinhalb Jahrtausende nach Hippokrates, wird diese Methode noch immer praktiziert. „Inverse vertikale Extension“ nennt sich die mechanische Streckung der Wirbelsäule derzeit und erinnert nur noch bedingt an die altgriechische Tortur.
Die Beeinflussung von Schmerzen unter Cortisongabe
In einem experimentellen Modell wurde die Schmerzplastizität von Versuchspersonen geprüft. Gesunden Probanden wurde eine kleine Menge des Stoffes Capsaicin in die Haut injiziert, das für den Schärfegrad in Chilis sorgt. Die Capsaicin-Injektion verursachte in der Umgebung der Injektion eine ausgeprägte Steigerung der Schmerzhaftigkeit, die aber schon nach wenigen Minuten vollkommen abklang.
Diese Schmerzempfindung ist auf einer gesteigerten Sensibilität des Zentralnervensystems zurückzuführen. Bei Schmerzempfindung werden gewisse Schmerzfühler (sogenannte Nozizeptoren) im Gewebe erregt. Diese wandeln den Schmerz in elektronische Impulse um, die dann im Rahmen einer neuronalen Übertragung über Nervenfasern zum Rückenmark geleitet werden. Dort angekommen, wirken sie auf die Neurone ein, die im hinteren Bereich des Rückenmarks liegen. Über lange Nervenfasern des Rückenmarks wird die elektrische Botschaft zum Zwischenhirn und von dort zum Grosshirn geleitet.
Erhielten die Versuchspersonen zwei Stunden vor der Durchführung des Experiments eine Kapsel mit 40 mg Hydrocortison (=synthetisches Cortisol), klang dieser Capsaicin-Schmerz signifikant schneller ab als nach einer Placebo-Kapsel. Dies legt die Frage nahe, ob auch bei einer Freisetzung von körpereigenem Cortisol bei einer Stressreaktion (wie z.B. der Akupunktur) das zentralvenöse Schmerzsystem geschützt und die Schmerzempfindlichkeit herabsetzt wird.
Wie Akupunktur die Schmerzempfindlichkeit herabsetzt
Angriffspunkte zur Dämpfung der Schmerzübertragung sitzen grundsätzlich an den Schaltstellen zwischen den Nervenfasern, den so genannten Synapsen. Hier hat jede Station seine eigene Aufgabe bei der Schmerzübertragung.
Während einer Akupunkturbehandlung werden im Rückenmark Endorphine ausgeschüttet, die dafür sorgen, dass die Schmerzweiterleitung präsynaptisch – also vor der Schaltstelle zwischen den Nervenfasern – unterdrückt wird. Gleichzeitig werden im Mittelhirn Serotonin und Noradrenalin freigesetzt. Auch sie bewirken eine Hemmung der Schmerzweiterleitung, sowohl prä- wie auch postsynaptisch. Im Hypothalamus-Hypophysen-Komplex des Zwischenhirns werden ebenfalls Endorphine ausgeschüttet. Aber auch ACTH, das eine Vorstufe des Cortisol darstellt. Das ACTH wird zur Nebennierenrinde transportiert und löst dort die Freisetzung von Cortisol aus. Auf diese Weise wirken bei einer Akupunkturbehandlung zwei Mechanismen parallel:
- Die Schmerzinformation an das Gehirn wird unterdrückt
- Die Ausschüttung der körpereigenen Hormone haben eine schmerzlindernde Funktion
Wir wenden in unserer Praxis eine Kombination aus Akupunktur und manueller Therapie an, um Patienten mit Schmerzen zu unterstützen. Die Akupunktur bietet eine Fülle an Kombinationsmöglichen an ausgewählten Punkten an. Mit Hilfe der Nadeln haben wir die Möglichkeit, betroffenes Gewebe und Körperareale positiv zu beeinflussen. Die zur TCM gehörenden Tuina-Massage ist eine wohltuende Körperbehandlung, die dafür sorgt, dass bei regelmässiger Anwendung die Energie-Leitbahnen durchlässiger und Schmerzen gelindert werden. In manchen Fällen kommt Guasha (eine Schabetechnik auf der Haut) oder Schröpfen zum Einsatz. Wir beraten Sie gerne in unserer Praxis zu den Therapiemöglichkeiten.
Quelle:
Hydrocortisone in human neurogenic hyperalgesia (publiziert in PAIN 2012)